Wie nachhaltig und fair ist „Les Lunes“ wirklich? Der CEO des Labels beantwortet kritische Fragen

Wie nachhaltig und fair ist „Les Lunes“ wirklich? Der CEO des Labels beantwortet kritische Fragen

Was genau steckt eigentlich hinter dem grünen Versprechen vieler Fashion-Brands? Kürzlich haben Roxy und ich in unserem Podcast „Chapped Lips“ diverse selbsternannte Öko-Labels unter die Lupe genommen. Die Folge zum Thema Greenwashing hat unglaublich hohe Wellen geschlagen. Besonders heiss diskutiert wird seither, wie nachhaltig und fair das Label „Les Lunes“ ist. Jeden Tag erreichen mich unzählige Anfragen dazu. Ich habe den CEO von „Les Lunes“, Stefan Worthmann, darum gebeten, zu meinen kritischen Fragen selbst Stellung zu beziehen.

Bestimmt seid ihr der Marke „Les Lunes“ online auch schon begegnet. Der Brand wirbt auf Instagram besonders aggressiv mit vielen grossen Influencerinnen und schreckt nicht davor zurück, regelmässig Rabattcodes von bis zu 45% rauszuhauen. In unserer Podcastfolge haben wir den Brand nie namentlich genannt, sind aber kurz nach der Veröffentlichung der Podcastfolge von Stefan Worthmann, CEO von „Les Lunes“ persönlich angeschrieben und um ein Telefongespräch gebeten worden. Ich habe mir seine Anliegen noch am selben Tag angehört und ihn anschliessend gebeten, mir einige offene Fragen schriftlich zu beantworten. Nachfolgend lest ihr die unzensierte Version, die Stefan Worthmann in dieser Form zur Veröffentlichung freigegeben hat.

Ich möchte an dieser Stelle keine weiteren Ausführungen machen. Die Antworten sprechen für sich. Jede*r sollte in der Lage sein, sich mit den hier vorliegenden Antworten ein eigenes Bild zu machen.

 

Laut eigener Aussage ist LesLunes ökotex100-zertifiziert. Ist es richtig, dass dieses Label lediglich eine Aussage über den Schadstoffgehalt im Endprodukt macht, über die Herstellung an sich aber keine Aussage trifft?

  1. Nein, da muss ich mich missverständlich ausgedrückt haben. Nicht Les Lunes ist Öko-Tex 100 zertifiziert, sondern unser Stofflieferant (so ist es auch auf unserer Webseite unter „About Us“ beschrieben).
  2. Korrekt. Das Zertifikat trifft eine Aussage zum Schadstoffgehalt der Textilien (wie beispielsweise zu: verbotenen AZO-Farbmittel, krebsauslösenden und allergieauslösende Farbstoffen, Formaldehyden, Pestiziden, Chlorierten Phenolen und chlororganischen Carrier, Extrahierbaren Schwermetallen, Farbechtheit, pH-Wert, etc.).
  3. Unser Bambus-Lieferant verfügt zusätzlich zu Öko-Tex 100 über weitere Zertifikate. Die zwei relevantesten sind das OCIA Label und das Forest Management Certification.
  4. Die Geschäftsbeziehung zu unseren Lieferanten besteht seit vielen Jahren. Wir finden, dass Zertifikate grundsätzlich sehr sinnvoll und notwendig sind, diese aber eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht ersetzen können.

 

Warum ist auf den Produkten keine Ökotex-Nr. zu finden, die man online zur Überprüfung eingeben könnte? Das Made in Green-Label wird ebenfalls von ökotex vergeben und bezieht auch die Lieferkette mit ein. Warum liegt eine solche Zertifizierung nicht vor?

Diese beiden Fragen würde ich gerne zusammen beantworten, sie hängen natürlich mit der ersten Frage zusammen.

  1. Nicht Les Lunes ist Öko-Tex 100 zertifiziert, sondern unser Stofflieferant.
  2. Unsere Nähstätte ist unsere Nähstätte, die wir managen. Kein Zertifikat der Welt kann das toppen. Unter „About Us“ ist ein Bild unserer Näherinnen zu sehen. Die Dame in der Mitte heißt Miss Who (kein Scherz). Sie ist die Chefin vor Ort. Sobald alle Reisebeschränkungen aufgehoben sind, öffnen wir gerne unsere Tore und laden dich (und oder andere InfluencerInnen) auf eine Tour durch unsere heiligen Hallen ein.
  3. Um unseren CO2 Footprint weiter zu reduzieren, möchten wir in Zukunft so viel wie möglich via Eisenbahn transportieren oder wie bereits telefonisch erläutert in Europa fertigen lassen.
  4. Aus diesen Gründen (siehe 2. Kein Zertifikat ist so wertvoll, wie das eigene Managen der Nähstätte und 3. Beim Transport sind wir einfach noch nicht dort, wo wir gerne wären), haben wir keine Öko-Tex Nr./ kein Green Label beantragt.


Ihr habt euch dazu entschieden, für eure Kleidung Bambus als Rohstoff zu verwenden und lobt diesen als besonders nachhaltig aus. Genau genommen handelt es sich dabei aber um eine zellulosische Chemiefaser, eben Bambus-Viskose. Das heisst, der Rohstoff ist natürlichen Ursprungs, für die Gewinnung der Faser braucht es aber einen chemischen Prozess. Das Viskose-Verfahren ist dabei alles andere als nachhaltig, in der Regel kommen zahlreiche unter anderem hochgiftige Chemikalien zum Einsatz, in vielen Produktionsländern werden weder geschlossene Kreisläufe noch Filteranlagen eingesetzt (gerade in Asien fehlen dazu oft auch genügend strenge gesetzliche Auflagen). Das führt zu erheblichen Umweltproblemen. Wie stellt ihr sicher, dass eure Faser tatsächlich so nachhaltig ist, wie ihr sie selber rühmt?

Ein Besuch vor Ort steht noch aus. – Stefan Worthmann, CEO „Les Lunes“

  1. Richtig: der Rohstoff ist sehr nachhaltig.
  2. Ebenfalls korrekt ist, dass bei der Verarbeitung von Bambus zu Bambus-Viskose Chemikalien eingesetzt werden.
  3. Unser Lieferant ist der älteste und nach eigenen Angaben auch der professionellste Bambus-Verarbeiter in China. Für so eine große Firma, die auch viel Forschung betreibt, wäre es ruinös, wenn sie sich nicht an die chinesischen Vorgaben zum Umweltschutz halten würden. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass sie dagegen verstoßen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ein Besuch vor Ort steht noch aus (siehe oben).
  4. Wir stellen, seit ich die Verantwortung für Les Lunes trage, zwei Dinge in den Vordergrund, für die ich einstehe: a) Der Rohstoff ist nachhaltig und b) die Produktion ist fair. Weitere Punkte in Sachen Nachhaltigkeit werden in den nächsten Monaten folgen, wie telefonisch besprochen.
  5. In eurem Podcast zieht ihr Vergleiche zwischen unterschiedlichen Stoffen (z.B. Polyamid). Es gibt für alle Stoffe Pros und Cons. Bambus-Viskose ist vermutlich nicht die nachhaltigste Faser, die es gibt. Aber definitiv nicht die Schlechteste.
  6. Deswegen: Wir arbeiten – wie auch telefonisch besprochen – an noch umweltfreundlicheren Alternativen zu Bambus.
  7. Du sprichst sehr allgemein von hochgiftigen Chemikalien. Welche meinst du konkret? Hier müsste ich gezielt nachfragen, ob diese auch bei uns eingesetzt werden.
  8. Du sprichst sehr allgemein von Asien. Das sind 46 Staaten mit sehr unterschiedlichen Regierungen und Gesetzen. Hast du Hinweise darauf, dass sich China beim Thema Textilproduktion nicht an allgemeine Standards hält?
  9. Kleiner Exkurs: ein Podcast aus dem Jahr 2017 und dem „China Stigma“ von Anna Lecat.

 

Zum Thema Nachhaltigkeit gehört immer auch der bewusste Konsum. LesLunes wirbt auf Instagram aber ja doch sehr aggressiv mit bis zu 40% Rabatt. Wie lässt sich das für euch mit eurem Verständnis von einem nachhaltigen Label vereinbaren?

Ich bin sehr stolz auf unsere Rabatte. – Stefan Worthmann, CEO „Les Lunes“

  1. Wir sprechen über uns nicht als nachhaltiges Label. Wir sind stolz auf unseren umweltfreundlichen Bambus, und noch stolzer auf unsere faire Produktion. Aber in anderen Belangen wollen wir noch besser werden. Wir haben nie gesagt, dass wir „Heilige“ sind und wir planen auch nicht ein zweites „Patagonia“ zu werden.
  2. Ihr sprecht es in eurem Podcast vollkommen richtig an. Wir möchten wachsen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man als Brand groß, nein richtig richtig groß sein muss, um wirklich etwas verändern zu können. Da sind wir aktuell ein winziger David, der gegen die Goliaths der Branche antritt.
  3. Wir wollen ikonische Lieblingsteile produzieren. Ikonisch, weil sie einen Wiedererkennungseffekt haben sollen, aber auch gleichzeitig vielseitig einsetzbar sind (cozy zuhause, chic im Office und perfekt gestyled auf der nächsten Party). Lieblingsteile, weil sie langlebig sind, (hoffentlich) keinen Trends unterliegen und unsere Kundinnen über eine lange Zeit begleiten.
  4. Wir wollen weg von der Wegwerfmentalität- weg von „Trends“. Denn für uns ist Mode kein Trend, sondern ein Lebensgefühl. Deswegen gibt es auch nicht alle vier Wochen neue Produkte. Und wenn demnächst doch neue Teile kommen, dann nicht 50 neue Styles, sondern eine Handvoll.
  5. In Summe bedeutet das, dass wir „weniger gute“ schnelllebige Kleidung durch unsere Produkte ersetzen möchten. Am liebsten nach dem Prinzip „one piece in, one piece out“.
  6. Ich bin sehr stolz auf unsere Rabatte. Ich möchte, dass sich alle Frauen auf der Welt unsere Kleidung leisten können. Gute Produkte, die – im Vergleich zu sehr vielen anderen Fashion-Produkten – umweltfreundlicher sind, sollten nicht teuer sein. Sondern natürlich gut. Nachhaltigkeit sollte nicht nur etwas für die Reichen sein. Daran arbeite ich jeden Tag hart. Dafür brenne ich.
  7. Wir geben keinen Cent für TV-, Print-, Radio-, Online- oder Out-of-Home-Werbung aus. Das, was andere Brands in Marketing und Werbung investieren, investieren wir in Preisnachlässe und geben diese als Preisvorteil an unsere Kundinnen weiter.
  8. Bitte hilf mir bei diesem Punkt. Wären wir nachhaltiger, wenn wir 20% Rabatt geben würden, aber dafür bei Google werben würden? Was wäre, wenn es „nur“ 10% Rabatt wären, dafür aber auch noch Anzeigen in Print-Magazinen? Was ist ein nachhaltiger Prozentsatz? Oder sind Rabatte als Kaufanreiz per se nicht nachhaltig? Auch dann nicht, wenn diese Preisnachlässe, eine Entscheidung für ein vergleichsweise langlebigeres Produkt, Ausgaben für Fast Fashion Produkte verhindern?

 

Verschiedene Influencerinnen haben in der Vergangenheit kritische Fragen gestellt und/oder sogar die Kooperation mit LesLunes vorzeitig beendet. Einige von ihnen haben als Beweggrund die fehlende Transparenz angegeben. Warum sucht ihr in diesen Fällen nicht den Dialog mit Bloggerinnen?

Das tut mir sehr leid und ich kann nur um Entschuldigung bitten! Bitte leite meine Ausführungen an alle, die sich unfair bzw. intransparent behandelt fühlen, weiter. Auch hier kann ich nur anbieten, sich mit mir auszutauschen und das Gespräch zu suchen.

 

Gerne teile ich als Ergänzung noch die Slides, die auch schon auf Instagram veröffentlicht habe: 

 

 



7 thoughts on “Wie nachhaltig und fair ist „Les Lunes“ wirklich? Der CEO des Labels beantwortet kritische Fragen”

  • Liebe Annina,
    ich bin normalerweise eine sehr Stille, wenn auch begeisterte Followerin. Trotzdem wollte ich dir heute einfach Mal ein großes Dankeschön aussprechen, für all die Mühe und Arbeit die du dir machst, um deine Follower über diverse Nachhaltigkeitsthemen aufzuklären und für einen nachhaltigen Lebensstil zu inspirieren. Du und deine Artikel haben mich im letzten Jahr dazu bewegt, mein Leben um 180 Grad zu drehen und vieles zu hinterfragen, vor dem ich bisher immer die Augen verschlossen hatte. Auch wenn das manchmal weh tut bin ich dir wahnsinnig dankbar für deine Aufklärungsarbeit und deinen super Content! Vielen lieben Dank!!

  • Liebe Anina,
    vielen lieben Dank für deine super Recherche und die ganzen Informationen.
    Krass wie es dargestellt wird und schlussendlich ist… Sehr traurig.
    Aufklärung ist so so wichtig…
    Mach weiter so! Du machst das super!
    Ganz liebe Grüße zu dir in die Schweiz,
    Fabienne

  • Danke für diesen Bericht!
    Für mich stellt sich die Frage warum es überhaupt Rabattcodes geben muss?
    Warum kann man seine Produkte dann nicht gleich günstiger verkaufen?
    Ich brauch ja nur bei Instagram danach suchen und schon habe ich einen Code?!
    Ich habe bei mir in meiner Liste bestimmt mehr als 5 Bloggerinnen die damit werben und das bestimmt wöchentlich! Das ist doch dann nix exklusives mehr?!

  • Vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht. Auch ich habe mich nach der gefühlt 100. Instagram-Werbung verleiten lassen, einen Les Lunes Jumpsuit mit 45% Nachlass für meine Mutter zum Geburtstag zu bestellen. Wir sind beide der Meinung, dass das „Teil“ in keinster Weise das ist, für was es beworben wird! Der Stoff riecht nach Chemie, ist mega knittrig und der Anzug sitzt auch nicht wirklich. Sieht eher aus wie ein Teil vom Asia-Shop für 20€ (sorry für den Vergleich, aber mehr ist er bestimmt auch nicht wert!).

  • Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht. Ich war gerade dabei, meine Warenkorb bei Les Lunes zu füllen. Schon mit dem Gedanken im Kopf, die Produkte zurückschicken zu können, falls sie nicht gefallen – das ist aber definitiv nicht nachhaltig. Nun werde ich wohl vorerst von einer Bestellung absehen und es mir noch einmal genau überlegen. Liebe Grüße 🙂

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