Toxische Männlichkeit: „Echte Kerle essen Fleisch!“

Toxische Männlichkeit: „Echte Kerle essen Fleisch!“

Vegan zu leben gilt im Jahr 2020 als hip, urban, umweltbewusst, gesund – und weiblich. So zumindest die stereotypische Attribuierung, wenn es um die pflanzliche Ernährung geht. Geprägt von Medien, Werbung und Stammtisch-Diskussionen, werden die verschiedenen Ernährungsformen noch heute deutlich stigmatisiert. Richtige Männer essen Fleisch und trinken Bier. Das bekomme gerade ich als Veganer noch immer häufig zu spüren. In diesem Gastbeitrag möchte ich euch von meinen Erfahrungen berichten, die ich während meiner Ernährungsumstellung gemacht habe. 

Ausserdem gehe ich der Frage nach: Wie viel Männlichkeit ist in mir verloren gegangen, seit ich anstelle des blutigen Steaks einen Quinoa-Burger auf den Grill werfe? Wie kann ich meine sportlichen Leistungen noch ohne Vanille-Whey-Protein-Milkshake verbessern? Und wie habe ich auf denunzierende und vermeintlich lustige Männer-Fleisch-Witze reagiert? Ihr erfahrt es in den folgenden Zeilen.

Doch von vorne. Wenn ich mich recht besinnen mag, so bin ich zum ersten Mal mit dem Begriff «Vegan» vor gut fünf Jahren in Berührung gekommen. Anina hat den Begriff beiläufig in einer Diskussion fallen lassen. Auf meine Nachfrage, was denn vegan genau bedeutet, habe ich die Antwort kopfschüttelnd belächelt und den kompletten Verzicht auf tierische Produkte als Spinnerei abgestempelt. Auch ein paar Monate später, als Anina ihre Ernährung auf komplett vegan umstellte, habe ich verhalten verständnisvoll reagiert. Wie ich damals (leider) reagiert habe, könnt ihr hier nachlesen. 

 

Vom Steak zum Halloumi

Auch bei mir hat der Prozess vom Omnivor zur veganen Ernährung viele Monate in Anspruch genommen. Positiv unterstützt durch das extrem leckere Essen von Anina und animiert durch spannende Diskussionen über Gesellschaft, Umwelt und Konsum, setzte sich auch bei mir eine schleichende Vegetarisierung durch. Erster Schritt war schlussendlich der komplette Verzicht auf Fleischprodukte. Das ist nun schon sicher drei Jahre her. So ersetzte ich Fleisch durch Milchprodukte und war damals eigentlich schon ganz stolz auf mich. Doch hier begannen auch bereits die ersten Sprüche im kollegialen Umfeld, wenn ich anstelle eines Burgers ein Halloumi auf den Grill legte. Warum ich denn auf das wohlriechende Grillfleisch verzichte und ob ich jetzt verweichlicht sei, wurde ich gefragt. Auf den Rücken der Pferde gehöre doch Kräuterbutter und kein Reiter, wurde ich aufgeklärt – begleitet von schallendem Stammtisch-Lachen und einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. „Nun ja, ich probiere das mit dem Fleischverzicht halt mal aus“. So die richtig nachvollziehbaren und schlagfertigen Argumente hatte ich dazumal noch nicht bereit.

Auch in den Mittagspausen spürte ich die mitleidigen Blicke meiner Mitarbeitenden auf mein vegetarisches Mittagsmenu, während die Kollegen genüsslich ins Hähnchen bissen. Man müsse ja schon den Fleischkonsum etwas reduzieren, hörte ich meine Begleiter mit vollem Munde schmatzen – aber das proteinreiche und fettarme Hänchen wäre gerade Aktion und schmecke nunmal herrlich. In diesen Momenten fühlte es sich tatsächlich so an, als verzichte ich auf etwas Essentielles. Aber trotz allen Spässen und Sprüchen aus meinem männlichen Umfeld habe ich eins bemerkt – nach den ersten üblichen Standard-Sprüchen kam meist auch eine Art unterschwellige Bewunderung und Anerkennung zum Vorschein. Ein Funke Interesse in meiner fleischlosen Ernährung war vorhanden und hat teils andere dazu inspiriert, in meiner Begleitung in Restaurants oder Take Aways auch das vegetarische Menu zu nehmen. Eigentlich bereits schon ein erstrebenswerter Effekt.

 

Vom Halloumi zum Quinoa-Burger

Inzwischen sind ungefähr zwei weitere Jahre vergangen und wir schreiben das Jahr 2016. Ich habe mein Masterstudium begonnen und besuchte unter anderem Module wie «Nachhaltigkeit» und «Nachhaltige Geschäftsmodelle». Erstmals wurde ich so richtig mit Studien und Fakten zum Klimawandel konfrontiert. Durch die stärkere Auseinandersetzung mit den Folgen unseres vermeintlich erstrebenswerten ökonomischen Handelns mit der Maxime der Gewinnoptimierung und vollständiger Globalisierung, habe ich mein eigenes Konsumverhalten zu reflektieren begonnen. Mitunter war dies entscheidend für den nächsten Schritt zum veganen Lebensstil. Aber klar, da kamen weitere Fragen und Vorurteile gegenüber dieser Ernährungsform auf, welche ich zuerst für mich klären mochte. 

  • Komme ich zu genügend Proteinen? (oder anders gesagt, kann ich meinen Body mit der veganen Ernährung aufrechterhalten?)
  • Kann ich weiterhin mein geliebtes Müsli zum Frühstück essen?
  • Wie schauts mit Schoggimilch aus?
  • Was ist mit Käse?

Aus Sicht heute kann ich über die Fragen nur schmunzeln, aber sie waren ernst gemeint. Nach einem Besuch im Supermarkt konnten die meisten Fragen bereits beantwortet werden – Sojajoghurt, Hafermilch und Cashew-Käse sind die Antworten. Die erste Frage ist aber schon etwas komplexer um zu beantworten, wird aber auch von meinen Kollegen häufig gefragt. Mittlerweile kann ich die proteinreichen pflanzlichen Lebensmittel auswendig rezipieren und somit die grösste Sorge meiner männlichen Artgenossen besänftigen. Spätestens seit dem breit diskutierten Film «The Game Changer» ist die Argumentation zu dieser Frage noch viel einfacher geworden und die Szene im Film über die Aktivitäten gewisser Schwellkörper untermauert und beendet gleichzeitig die pro-vegane Argumentation auf subtile männliche Art.

Auch spannend ist die Reaktion auf meine häufig gestellte Gegenfrage bei Vegan-Skeptiker: «Weißt du, dass sich Lewis Hamilton vegan ernährt?». Als Koryphäe der Königsklasse des Motorsports ist der Brite ein Idol oder zumindest ein hoch respektierter Sportler vieler Männer weltweit. Seine hohe Kredibilität lässt Meinungen, Aussagen und Argumente militanter Omnivoren verblassen und bietet in vielen Gesprächen eine solide Grundlage für faktenbasierte Diskussionen. Die positiven Effekte veganer Ernährung auf sportliche Höchstleistungen geniessen beim maskulinen Publikum höchste Anerkennung und dienen als Eintrittskarte für ein offenes Gehör. Auch meine persönlichen Erfahrungen mit pflanzlicher Ernährung und meinem derzeitigen persönlichen Triathlon-Sportprojekt fördern die Akzeptanz meiner bewusst gewählten Ernährungsform. Nicht wenige in meinem Umfeld informieren sich jetzt proaktiv selbst über die Vorteile der veganen Ernährung im sportlichen Kontext und reduzieren sukzessive den Anteil tierischer Produkte in ihrer Ernährung. 

 

Angekommen um zu bleiben

Es ist erstaunlich, ich hatte mehr Gegenwind von meinem Umfeld vom Schritt Omnivor zum Vegetarier, als vom Vegetarier zur rein pflanzlichen Ernährung. Dies liegt wohl aber auch daran, dass die vegane Ernährung in der Gesellschaft ihren festen Platz gefunden hat. Die medial stark präsenten Nachhaltigkeitsdebatten haben die pflanzliche Ernährung in ein positives Licht gerückt und wird nicht mehr nur belächelt. Im Gegenteil – viele auch männliche Kollegen privat wie auch bei der Arbeit kommen nun auf mich zu, um Tipps für rund um eine fleischlose oder gar vegane Ernährung zu holen. Und für mich persönlich ist es eine spannende Reise. Ich spüre die positiven Veränderungen in meinem Körper. Dazu zählt die Reduktion des Körperfett-Anteils, die verbesserten sportlichen Leistungen im Ausdauerbereich und die Tatsache, dass ich seit mehreren Jahren nie mehr Krankheitstage wegen einer Grippe oder ähnliches hatte.

Auch im Alltag hat mich die Umstellung bereichert. Erst dachte ich, dass die vegane Ernährung einen grossen Verzicht darstellt. Doch das Gegenteil war der Fall. Durch die vertiefte Auseinandersetzung mit den Lebensmitteln lernte ich neue spannende Nahrungsmittel kennen, welche bei meiner früheren klassischen Fleisch-Stärke-Gemüse Ernährung noch gänzlich unbekannt waren.

Zudem ist auch der Gang zum Supermarkt ist viel einfacher geworden. Ich kann die Fleisch- und Milchwarenabteilung ganz einfach meiden. Dies erspart Zeit und Entscheidungen, was bei mir im Allgemeinen zu weniger Komplexität im Alltag und irgendwie auch zu mehr Zufriedenheit führt. Und durch die stets steigende Anzahl veganer Produkte in den Supermärkten entdecke ich beinahe bei jedem Einkauf etwas Neues – und das macht echt Spass! Die Umstellung der Ernährung stellt für mich persönlich in allen Aspekten eine Bereicherung dar.

Und ob ich jetzt meine «Männlichkeit» durch den veganen Lebensstil verloren habe? Keine Ahnung – es interessiert mich auch nicht. Die strikte Trennung von Rollenbilder aufgrund des Geschlechts sind so was von 1840. Etwa so wie der Titel dieses Blogbeitrages.

Funfact zum Schluss, in der Schweiz war der Anteil Männer unter den sich vegan ernährenden Menschen mit 60% höher als der Anteil Frauen. (Quelle) 

Foto Credit: the saums

 



20 thoughts on “Toxische Männlichkeit: „Echte Kerle essen Fleisch!“”

  • Gratuliere Chris! E mega Biitrag & ech cha aso säge… du redsch mer us de Seel 🙂

    Danke för dine Biitrag & dass du duni Gschecht ond Erfahrige met üs teilsch.

    Liebi Grüess
    Ramona

    • Hey Ramona

      Merci für dis Feedback. Ja isch nöd immer ganz eifach zum sich gägenüber sim Fründschafts- und Familiechreis z rächtfertige.. Aber ja, keep going 🙂

      LG & en schöne Tag
      Chris

  • Hallo ihr Lieben. Ein mega spannender Artikel – danke dafür. Ich wohne auch in LU, aber eher ländlich. Ich habe das Gefühl, dass es in ländlicheren Gegenende noch extremer ist. Schon die vegetarische Ernährung ist ein No-GO – für einen Mann sowieso.
    Ich hoffe, dass auch die ländlicheren Orte bald offener sind und so ihren Beitrag für unsere Welt und für die eigene Gesundheit leisten. Finde es auch super, dass du mehrere Schritte dafür gebraucht hast. Das alles geht ja auch nicht von O auf 100. Jeder noch so kleine Beitrag ist wichtig.

    • Hi Daniela

      Das mit den ländlichen Gegenden in Luzern kenne ich nur zu gut. Arbeite fernab der Stadt, was die Mittagsverpflegung manchmal nicht so einfach macht. Hoffe auch, dass die Akzeptanz und Offenheit gegenüber der pflanzlichen Ernährung bald in allen Regionen stets zunimmt.

      Viele Grüsse

      Chris

  • Lieber Chris , also ich muss schon sagen : das ist einer der besten Artikel , die ich je gelesen habe! Du hast das Thema so sympathisch und lebensnah aufgenommen – es hat sich ganz wunderbar gelesen! Und ich stimme dir vollkommen zu ! 🙂
    Viele Grüße an euch beide !

    • Hallo Lena

      Wow, danke für das schöne Kompliment – freut mich grad riesig! 🙂
      Wünsche dir noch einen wundervollen Tag.

      Liebe Grüsse
      Chris

  • super gschribe! de bitrag mussi umbedingt mim (fast) vegane fründ schicke… ich denke er het au mega demit z kämpfe als mah, aber langsam langsam schafft er sich dur d gesellschaft dure z boxe:)

    • Hi Maya

      🙂 Glaube din Fründ wird sich im Text wiedererkenne. Wär na spannend zum sini Erfahrige z ghöre.

      Liebi Grüess us Luzern

      Chris

  • Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in deine Erfahrungen mit Veganismus. Ich bin erst seit kurzen vegan und finde mich in vielen deiner Erlebnisse wieder – die negativen, wie auch die positiven. Was ich aber glücklicherweise (zumindest in meinem Umfeld) feststelle ist, dass anfängliche Skeptiker – gar Gegner – mittlerweile vermehrt Einsicht und Verständnis zeigen.

    • Hi Leandra

      Danke für dein Feedback! Schön dass du die Skepsis in deinem Umfeld hast beseitigen können. Denke mit sachlichen Argumentationen und Diskussionen kann viel erreicht werden und auch andere Leute animieren, über ihre Essgewohnheiten nachzudenken. Genau das braucht es! 🙂

      Viele Grüsse
      Chris

  • Hey Chris,

    super super gut, dein Beitrag! Den kann ich jetzt mit uneinsichtigen Menschen teilen, die immernoch dieses veraltete Männerbild feiern. Irgendwie stecke ich schon in meiner Bubble und bin dann absolut geschockt, wenn ich von außen höre, wie manche Menschen denken! Wenn man mich fragt, finde ich es weitaus männlicher, wenn sich Mann Gedanken über die Konsequenzen seines Handelns macht und einen positiven Einfluss haben möchte.

    Liebe Grüße,
    Linda

    PS: Ich mag deinen Schreibstil so wie auch Aninas soooo gerne, bitte hört beide niemals mit dem Schreiben auf! 😀

  • Hey Chris,
    ein super Beitrag und ich find es wahnsinnig interessant auch über deinen Weg in den veganen Lebenstil zu hören. Du hast angesprochen das du durch deine Module „Nachhaltigkeit“ und „Nachhaltige Geschäftsmodelle“ deine Konsumverhalten überdacht hast und Anina ist ja schon eine super zero waste/ low waste Inspiration, von daher würde ich euch empfehlen mal über die Degrowth Bewegung zu recherchieren, falls ihr es noch nicht getan habt 😉 Auch der Vortrag von Niko Paech „Befreiung vom Überfluss“ ist sehr interessant.
    Macht weiter so, ich lese eure Posts super gern!
    Alles Liebe, Sophia

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