Wohin mit alten Klamotten? Die Vor- und Nachteile der gut gemeinten Kleiderspende

Wohin mit alten Klamotten? Die Vor- und Nachteile der gut gemeinten Kleiderspende

Wer Altkleider an einer Sammelstelle abgibt, hat das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Die aussortierten Stücke können in Afrika noch lange getragen werden, so unsere Vorstellung. Doch die Realität sieht anders aus: Regierungen von ostafrikanischen Ländern wollen unsere Secondhandklamotten längst nicht mehr. Warum das so ist und welche Rolle das Klima zusätzlich spielt, beleuchte ich in diesem Blogpost. Ausserdem verrate ich euch, wie ihr euren alten Klamotten ein sinnvolles zweites Leben geben könnt.

 

60 neue Kleidungsstücke wandern hierzulande jährlich in unsere Garderobe. Tendenz: Steigend. Das hat Folgen für die Umwelt. Die Kleiderproduktion verschlingt grosse Mengen an Energie, Wasser, Chemikalien und Erdöl. Nachhaltig ist das nicht. Insbesondere der konventionelle Baumwollanbau benötigt enorme Mengen an Wasser und geht einher mit hohem Pestizideinsatz. Und als wäre das nicht genug, kommt hinzu, dass die meisten Kleider sehr kurzlebig sind. Einmal billig gekauft und schnell wieder aussortiert: In der Schweiz sammeln wir pro Kopf und Jahr rund 6 kg Textilien, die wir entweder privat weggeben oder im Kehrricht entsorgen. Und hier reden wir nur von Kleidung. Es fallen natürlich noch weitere Textilien an.

Um dieser Kleidung ein zweites Leben zu geben, sammeln mehrere Organisationen in allen Gemeinden und Städter Altkleider und Schuhe ein. Dies geschieht durch Strassenrand-Sammlungen oder durch Container, in welche die Kleidung gut verpackt eingeworfen werden kann. Laut dem Bundesamt für Umwelt Schweiz, werden so jährlich rund 50’000 Tonnen Altkleidung und Schuhe gesammelt.

 

Was passiert mit meiner Altkleidung?

In einem ersten Schritt müssen die gesammelten Kleidungsstücke aussortiert werden. Bis zu zwei Drittel davon sind noch in solch gutem Zustand, sie können also weiterhin getragen werden. Sie werden ins Ausland verkauft: Osteuropa, Russland, Afrika und in der Nahe Osten sind die beliebtesten Abnehmer. Aus den nicht mehr tragbaren Kleidern entstehen Putzlappen oder Rohmaterial für Recyclinggarne oder Füll- und Dämmstoffe. Der kleinste Anteil wird entsorgt.

Im Zielland angekommen, werden die Kleidungsstücke gewaschen und mit einer kleinen Gewinnmarche wieder verkauft. Das ermöglicht Hundertausenden von Menschen ein Einkommen, was positiv ist. Doch: Wir müssen auch über den Transport reden. Dieser ist aus umwelttechnischer Sicht, wie bei jedem weitgereisten Textil, ein Nachteil. Und leider ist das nicht der einzige Knackpunkt. Weil die Zwischenhändler unsere Ware fast gratis erhalten, können sie sie günstig wieder weiterverkaufen. Was dadurch geschieht, ist nur logisch: Die heimische Textil-Produktion in diesen Ländern hat keine Chance, gegen solche Dumpingpreise anzukommen. Wenn ihr wie ich schon einmal eine afrikanische Grossstadt  besucht habt, wisst ihr, dass man auf dem Markt Markenartikel für ganz wenig Geld erstehen kann. Und zwar nicht gefälscht, sondern eben Secondhand, importiert aus Europa.

 

Zum Schutz des heimischen Marktes: Tansania erhebt Einfuhrverbot 

Um zu verdeutlichen, welche Massen an Altkleidung jährlich nach Afrika gehen, möchte ich hier ein paar Zahlen einbinden. Der «Guardian» schätzt, dass jährlich 3,7 Milliarden Dollar mit dem Handel von Altkleidung umgesetzt werden. Alleine in Tansania kamen jeden Monat rund 40’000 Tonnen Altkleider aus dem Westen an. Kamen deshalb, weil die Regierung jetzt die Notbremse gezogen hat. Sie hat ein Einfuhrverbot erhoben, um so den heimischen Textilmarkt zu schützen.

Damit ist das Problem jetzt ja aus der Welt, könnte man denken. Doch: Das Einfuhrverbot hat eben auch nicht nur Vorteile. Der Verkauf unserer Gebrauchtkleider hat in afrikanischen Ländern auch viele Arbeitsplätze geschafften und letzlich kommt die Billigware dann doch den Armen zugute. Aber ja: Natürlich wäre es viel nachhaltiger und langfristig gesehen sinnvoller, die eigene Textilindustrie zu fördern.

 

Ein paradoxer „Kreislauf“ und die miese Masche der Chinesen

Fast schon pervers finde ich aber, dass in genau diesen Ländern teilweise sogar unsere Kleidung produziert wird. Heisst: In Äthiopien wird Kleidung für uns in Europa sehr billig und unter schlechten Bedingungen produziert. Wir kaufen diese – ebenfalls zu Spottpreisen – beim Fast Fashion Anbieter unserer Wahl ein und sortieren sie dann beim nächsten Frühlingputz (vielleicht sogar ungetragen) wieder aus. Dann wandert das Ganze wieder zurück ins Produktionsland, wo die dortige einheimische Produktion hintergangen wird, weil unser Secondhandteil inzwischen günstiger wiederverkauft werden kann, als das dortige Teil, welches neuwertig ist. Schon mal darüber nachgedacht? Mir wird bei diesem Gedanken ganz schön schlecht.

Leider ist es – es tut mir leid – damit noch nicht genug. Es kommt nämlich noch ein weiteres Problem on top: Billigimporte aus China. Meistens handelt es sich dabei um gefälschte Markenware. Oft ist ganz einfach zu erkennen, dass es sich dabei nicht um Originalware handelt, Schreibfehler der Markennamen sind an der Tagesordnung. Die Chinesen kopieren aber nicht nur weltweit bekannte Brands, sondern eben auch lokal ansässige afrikanische Marken. Letzteres ist besonders fatal für die heimische Produktion der Länder. Sie kommen gegen die Billigware der Chinesen gar nicht mehr an.

 

Wohin nun also mit alter Kleidung? Warum es nur eine Lösung gibt.

Das System für Second-Hand-Kleidung ist am Rande des Kollapses. Die Frage, „wohin mit all den Altkleidern?“, bleibt unbeantwortet. Um die Katastrophe auszuhalten, gibt es nur eines: Wir müssen uns von Fast Fashion verabschieden. Damit tun wir nicht nur der Umwelt einen Gefallen, sondern auch uns selbst.

Folgendes könnt ihr ganz bewusst tun:

1) Tragt eure Kleidung länger: Allein die Verlängerung der Lebensdauer unserer Kleidung von einem auf zwei Jahre würde die CO2-Emissionen um 24 Prozent reduzieren.

2) Repariert eure Kleidung: Ein abgefallener Knopf oder eine lose Naht ist kein Grund, ein Kleidungsstück gleich wegzuwerfen. Es gibt inzwischen sogar Repair-Cafés, die zum Ziel haben, alte Kleidung wieder aufzumöbeln. Einfach mal googeln. Und sonst hat eure Oma bestimmt auch noch ein Nähset, welches ihr ausleihen könnt! 😉

3) Bevor ihr euch etwas Neues kauft: Überlegt genau, ob ihr wirklich lange Freude daran habt. Und: Schaut doch, ob ihr das Teil irgendwo Secondhand findet. Ist das nicht möglich, dann sucht einen Fair Fashion Anbieter. Eine Übersicht mit ganz vielen nachhaltigen und fairen Brands findet ihr hier.

4) Falls ihr dennoch Teile habt, die ihr nicht mehr haben möchtet, habe ich auch ein paar Ideen für euch: Besucht einen Flohmarkt, organisiert mit Freunden eine Kleidertauschparty oder verschenkt die Teile an Menschen in eurer Umgebung, die daran Freude haben. Schöne Teile könnt ihr auch in Second Hand Läden bringen. Manchmal gibt es auch soziale Institutionen, die froh sind über Secondhandkleidung. Informiert euch am besten im Netz und fragt bei den entsprechenden Stellen an. Das können Frauenhäuser, Flüchtlingsheime, usw. sein.

 

Neue Geschäftsmodelle sind gefragt

Natürlich ist es gut und vorbildlich, wenn wir unseren eigenen Konsum überwachen, weniger kaufen und konsumieren. Aber es muss sich auch in der ganzen Industrie etwas ändern.

Die Art und Weise, wie heute Kleidung hergestellt, genutzt und entsorgt wird, bedarf einer Generalüberholung. Modemarken müssen qualitativ hochwertigere Kleidung produzieren. Mode muss langlebig, reparierbar und tragbar sein. Der Kreislauf muss geschlossen werden können. Dafür sind neue Geschäftsmodelle gefragt.

 

Fazit: Kein Konsum ist immer die beste Lösung

Ich hoffe, dass ich euch etwas näher erläutern konnte, warum die Altkleidersammlung Vor- und Nachteile hat. Am Ende des Tages entscheidet ihr selbst, ob ich das vertretbar findet oder nicht und ob ihr eure Kleidung einer solchen Tonne spenden möchtet. Mir ist bewusst, dass es Länder geben mag, wo das gut funktioniert. Ich habe einige Nachrichten von Leser/innen erhalten, die mich positive Beispiele nennen konnten. Es ist immer schwierig, solche Dinge zu verallgemeinern – egal in welche Richtung. Wo wir uns alle sicher einig sind: Kein Konsum ist immer die nachhaltigste aller Lösungen. Weniger kaufen und weniger wegwerfen!

Falls ihr euch gerne selbst weiter einlesen möchtet, verlinke ich euch unten alle von mir benutzten Quellen.

Alles Liebe,
Anina

 

Verwendete Quellen: 

Bundesamt für Umwelt Schweiz: Kleider und Schuhe

Nachhaltigleben.ch: Ist Altkleider-Sammlung sinnvoll?

NZZ: Wie Spenden und Schmuggel die Textilindustrie in Afrika ruinieren

 



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