Im Einsatz für mehr Bildung: „Bevormundung ist der falsche Weg“

Im Einsatz für mehr Bildung: „Bevormundung ist der falsche Weg“

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Eine Milliarde Franken spenden die Schweizer pro Jahr. Das ist überdurchschnittlich viel. Doch: Wie viel davon kommt tatsächlich an? Viele Hilfswerke stellen professionelle Werbeagenturen an, die teure Kampagnen organisieren. Das hat den Vorteil, dadurch mehr Menschen zu erreichen. Andererseits geht aber Geld verloren, das bedürftigen Menschen brauchen könnten. Das führt zu Misstrauen gegenüber NGO’s. Und auch dazu, dass viele Menschen lieber nichts mehr zu spenden oder es gar nicht erst tun. Ich habe zwei junge Menschen zum Interview getroffen, denen es genau so ging. Heute engagieren sie sich beide für JAM Schweiz*, eine Stiftung, welche Menschen in Afrika in Verantwortung nimmt und ihnen hilft, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. 

*Hierbei handelt es sich um einen unbezahlten Beitrag.

«Es ist nicht so, als wäre ich immer ein Wohltäter gewesen», sagt Patrick Blaser gleich zu Beginn unseres Gesprächs, als müsste er sich entschuldigen. Der junge Mann arbeitet bei JAM Schweiz und ist zuständig für die Spendenbetreuung. Das Non-Profit Unternehmen hat das Ziel, Afrika in seiner Entwicklung zu einer wirtschaftlich gesunden, eigenständigen Region zu unterstützen. „Klick gemacht“ habe es bei ihm vor zwei Jahren, erzählt Patrick. Damals leistete er seinen ersten Helfereinsatz in Südafrika und zurück in der Schweiz wurde ihm klar, dass er so nicht weitermachen konnte. „Ich habe meinen langweiligen Bürojob gekündigt, ohne zu wissen, wie es weitergeht“, sagt der 28-Jährige und lacht.  Nur kurze Zeit später sei dann aber bei JAM eine Stelle frei geworden. „Heute gehe ich nicht mehr zur Arbeit, weil ich damit mein Geld verdiene. Ich stehe morgens auf, weil ich weiss, dass ich durch mein Engagement etwas bewegen kann“, so Patrick.

Auch seine Freundin Melanie Jung, die soziale Arbeit studiert, engagiert sich seither für die Stiftung. Alles ehrenamtlich. Sie organisiert Brunchs und Kuchenverkäufe, mit denen sie auf das Tun der Stiftung aufmerksam machen will. Ihr geht es vor allem darum, die Schulernährungsprojekte zu unterstützen. „Durch unsere Spenden werden Kinder in Angola über Mittag an den Schulen mit unserem Brei versorgt“, sagt sie. Diese eine Mahlzeit am Tag sei für viele Familien ein Grund, die Kinder in die Schule zu schicken. Vor Kurzem wurde sie von ihrer Hochschule sogar für den „Student Award For Excellence“ nominiert, der einmal im Jahr an einen Studierenden vergeben wird, der sich besonders engagiert.

 

Viele Menschen spenden kein Geld an Hilfsorganisationen. Die meisten von ihnen geben als Grund an, dass ihr Geld nicht ankomme. Was sagt ihr dazu? 

Patrick: Ich kann das gut nachvollziehen. Häufig wird man auf der Strasse angesprochen und beinahe dazu überredet, etwas zu spenden. Wenn wir uns überlegen, wie lange diese Studenten da stehen, dann liegt es auf der Hand, dass bei solche Organisationen viel Geld eben nicht ankommt, sondern in diese Verkaufsüberzeuger investiert wird.

Melanie: Ich habe mich oft um den Finger wickeln lassen. Oft hatte ich ein schlechtes Gewissen und eigentlich wollte ich immer etwas Gutes tun. Und dann stehst du da mit diesem Lastschriftverfahren und weisst aber irgendwie immer noch nicht, ob du mit deiner Spende wirklich etwas bewirkst.

Schlechtes Gewissen und nicht Nein-Sagen können: Das sind beides keine wirklich nachhaltigen Gründe, um sich sozial zu engagieren. Und trotzdem seid ihr heute beide bei einer Hilfsorganisation tätig. Was ist denn bei JAM anders?

Melanie: Bei JAM habe ich einen direkten Kontakt zu Menschen, die sich schon länger sozial engagieren. Viele von ihnen waren schon bei mehreren Einsätzen in Südafrika mit vor Ort. Dadurch konnte die Organisation viel schneller mein Vertrauen gewinnen.

Patrick: Genau. Melanie spricht hier von einer gemeinsamen guten Freundin. Ich wusste aber lange gar nicht, dass sie sich da engagiert, sie hat das nie gross erwähnt. Erst, als sie dann eines Abends beim Essen mit meiner Familie mehr von ihren Erlebnissen in Afrika erzählt hat, wurde mir das klar.

Und dann habt ihr euch dafür entschieden, ebenfalls Geld zu spenden?

Patrick: Es ist nicht so, als wäre ich immer ein Wohltäter gewesen. Gar nicht. Ich hatte nämlich gar nicht so viel Geld. Das Schöne ist aber, dass ich bei JAM auch meine Zeit investieren kann. Ich muss nicht unbedingt in Form von Geld eine Unterstützung sein. Trotzdem habe ich aber das ganze Jahr über Geld für mich angespart, sodass ich im folgenden Jahr nach Südafrika fliegen konnte. Ich wollte unbedingt vor Ort sehen, wie JAM den Menschen hilft, diese Kindertagesstätten aufzubauen.

Du hast gesagt, man kann auch etwas Gutes tun, ohne Geld zu spenden. Wie geht das?

Patrick: Man kann seine eigene Zeit investieren, indem man beispielsweise mit anderen Menschen über die Projekte spricht. Oder man organisiert einen kleinen Brunch und spendet den Erlös. Es gibt unzählige Möglichkeiten.

Melanie: Die roten Schalen, in denen die Kinder in den Schulen das Mittagessen bekommen, sind unser Markenzeichen. Diese Schalen kann jeder, der das möchte, irgendwo aufstellen. Ich kenne Leute, die das beispielsweise bei ihrem Friseur gemacht haben. Andere haben die Schale zuhause stehen für den eigenen Besuch. So kommt immer ein wenig Geld zusammen, welches dann für das Kita-Projekt gespendet werden kann. Mit nur 90 Franken kann ein Kind schon ein ganzes Jahr ernährt werden. Man kann auch einen Kuchenverkauf machen oder seine Kleidung an einem Flohmarkt verkaufen und den Erlös spenden.

Jetzt habt ihr schon ganz viel von diesen Einsätzen erzählt. Warum fliegt ihr nach Afrika und wie funktioniert das genau mit diesen Kitas? 

Patrick: Die Kitas werden von Afrikanern selbst aufgebaut und existieren bereits. Jam baut keine neues Kitas auf. Das ist ein ganz grosser und wichtiger Unterschied. Leider ist es so, dass viele Kinder – obwohl Kitas existieren – nicht in die Schule geschickt werden, weil die Familien zu arm sind. Wir müssen uns da leider mit Problemen wie Kinderhandel, Kinderarbeit und Sklaverei auseinandersetzen. Die Familien sind teilweise so arm, dass sie ihre Familie nicht ernähren können.

Melanie: Wenn die Kinder also einen Ort haben, wie eben eine Kita, dann sind sie geschützt. Die «Mamas» – das sind Afrikanerinnen – leiten diese Kitas vor Ort und haben diese selbst aufgebaut. Sie haben diese Stätten ohne jegliche Ressourcen gegründet und von ihrem eigenen hart erarbeiteten Geld Land gekauft. Teilweise bestehen die Kitas lediglich aus Schrott, der irgendwie zusammengehalten wird durch ein paar Nägel.

 

„Das Problem ist, dass die westliche Öffentlichkeit sich noch immer schwer damit tut, die Afrikaner als selbständig handelnde Menschen zu akzeptieren. Es geht nicht darum zu leugnen, dass sie Probleme haben. Es geht darum, sie in ihrem Tun zu unterstützen. Wenn wir aber das Gefühl haben, sie bevormunden zu müssen, dann ist das der falsche Weg.“ – Melanie Jung

Und wie unterstützt JAM diese Kitas?

Patrick: Unsere Aufgabe ist es, bestehende Kitas zu unterstützen. Zusammen mit einer regionalen Firma vor Ort wird eine Woche lang eine solche Kita umgebaut und renoviert. Das fördert auch die lokale Wirtschaft.

Melanie: Genau, es geht dabei nie um uns. Der Grund weshalb wir auch vor Ort sind ist, dass wir zurück in der Schweiz anderen Menschen vom Einsatz berichten können. Denn nur, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, glauben uns die Leute hier. Es geht vor allem darum, Vertrauen zu schaffen. Aber auch darum zu sehen, dass die Kitas in dieser Zeit wirklich zu Gunsten der Kinder dort umgebaut werden. Aus Blechhütten entstehen Kitas, die auch im Winter isoliert sind und damit Schutz und Wärme bieten.

Die weissen Samariter oder die weisse Retter-Industrie: So werden Europäer, die in Afrika tätig sind, oftmals genannt und auch beschimpft. Da schwingt immer sehr viel Negativität mit. Wie habt ihr euch denn in dieser Rolle gefühlt?

Melanie: Ich habe mich oft unwohl gefühlt. Das ist eine Rolle, in die ich nicht schlüpfen will. Die Kinder haben mich, alleine weil ich weiss bin, als etwas Besonderes angesehen. In dieser Rolle fühle ich mich sehr unwohl. Das Problem ist, so glaube ich, dass die westliche Öffentlichkeit sich noch immer schwer damit tut, die Afrikaner als selbständig handelnde Menschen zu akzeptieren. Es geht nicht darum zu leugnen, dass sie Probleme haben. Es geht darum, sie in ihrem Tun zu unterstützen. Wenn wir aber das Gefühl haben, sie bevormunden zu müssen, dann ist das der falsche Weg.

Könnte das mit ein Grund sein, warum Menschen ungerne spenden?

Melanie: Menschen spenden vor allem deshalb, weil sie etwas Gutes tun möchten oder eben Mitleid haben. Das ist oftmals nicht der richtige Weg. Hier liegt es auch an uns NGO’s, ein anderes Bild zu transportieren.

Patrick: Nur auf die Tränendrüse zu drücken und mit schockierenden Bildern zu «werben», ist defintiv der falsche weg. Das macht JAM nie. Wir haben auch kein Budget für Werbung. Das macht es aber wiederum oft schwieriger, uns einen Namen zu machen und neue Unterstützung zu finden. Wir glauben jedoch fest daran, dass es viel nachhaltiger ist, Menschen persönlich abzuholen.

Wie gelingt euch das, ohne dass ihr Werbung schaltet?

Patrick: Wir suchen gezielt den Kontakt zu Menschen, und zwar den persönlichen. Wir organisieren immer wieder Anlässe, wo man ganz ungeniert vorbeikommen darf und einmal all seine Fragen loswerden kann. Auch die kritischen.

Melanie: Ja, vor allem die kritischen. Das ist ganz wichtig. Mir ging es genauso. Ich wollte auch zuerst wissen, was mit meinem Geld passiert und was JAM wirklich macht.

Noch eine kritische Frage zum Schluss: JAM ist eine christliche Organisation. Inwiefern fliesst das in eure Arbeit in Afrika mit ein?

Melanie: Gar nicht. Das steht nie im Vordergrund. Uns geht es nicht darum, irgendjemandem unsere Glauben aufzuzwingen. Ich selbst bin gar nicht christlich aufgewachsen. Jedoch sind mir natürlich gewisse Werte wie Nächstenliebe wichtig. Das hat für mich aber nichts mit Religion zu tun.

Patrick: Das ist bei mir auch so. Ich bin gar nicht gläubig, finde aber die Werte, die JAM vertritt, richtig. Wir haben Spender aus allen möglichen Glaubenskreisen. Ob nun Christ, Muslim oder Buddhist: Was spielt das für eine Rolle? Im Vordergrund steht immer der Mensch.

 

Wenn auch ihr mehr über die Stiftung JAM erfahren wollt, dann habt ihr schon am 1. Juli Gelegenheit dazu. Dann findet in Windisch in der Waldhütte ab 10 Uhr ein Charity-Brunch statt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht ihr die Lokalität ganz unkompliziert (Haltestelle Zelgli). An diesem Morgen werden auch Melanie und Patrick vor Ort sein und über ihre Einsätze berichten. Patrick ist aktuell gerade noch in Angola und wird am 1. Juli von seinen Erlebnissen erzählen. Anmelden könnt ihr euch direkt bei Melanie über melanie-jung@gmx.ch. Der Brunch kostet 30 CHF, wobei schon eine Spende enthalten ist. 



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