„Ich diskutiere gerne über Blähungen und Stuhlgang“

„Ich diskutiere gerne über Blähungen und Stuhlgang“

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Sarah Müllhaupt behandelt und berät in ihrer Praxis in Zürich Menschen mit Darmbeschwerden. Im Interview verrät die diplomierte Naturheilpraktikerin, warum wir so oft mit unserer Verdauung kämpfen. Ausserdem habe ich sie gefragt, ob Gluten wirklich so schlecht für uns ist und warum Antibiotika eine gesunde Darmflora zerstört.

 

Sarah, warum ist der Darm ein so grosses Tabuthema?

 

Für mich ist er das natürlich nicht. Ich diskutiere gerne über Blähungen und Stuhlgang (lacht). Ich merke auch immer mehr, dass meine Patienten offener werden und mir einfacher erzählen, wo ihre Probleme liegen. Aber insgesamt löst alleine das Wort «Darm» bei vielen Menschen noch immer eine eher negative Reaktion aus, das stimmt schon.

 

Und trotzdem scheint uns der Darm schon ziemlich zu interessieren und geniesst daher gerade viel Medienaufmerksamkeit. Haben die Menschen heute denn tatsächlich mehr Probleme mit ihrer Verdauung?

 

Die Forschung hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr mit dem Darm beschäftigt. Das hat natürlich vor allem auch damit zu tun, das Menschen häufiger an Verdauungsbeschwerden leiden. Aber auch Allergien und Autoimmunerkrankungen nehmen stetig zu. Und ein weiterer Wendepunkt, der nicht zu unterschätzen ist, ist tatsächlich das Buch «Darm mit Charme». Das hat die Leute sensibilisiert und darauf aufmerksam gemacht, diesem Organ mehr Beachtung zu schenken.

 

Was macht unserem Darm denn das Leben schwer?

 

Das sind verschiedene Faktoren. Wir haben in unserem Leben verschiedene Dinge, die unser Regulationssystem stören können. Den grössten Teil macht aber bestimmt die Ernährung aus. Wir konsumieren sehr viele industriell hergestellte Lebensmittel. Da sind auch ganz viele Produkte betroffen, die an sich nicht schlecht sind, jedoch aber so verarbeitet wurden, dass sie nicht gut bekömmlich sind.

 

Immer mehr Menschen lassen deshalb auch glutenhaltige Produkte bewusst weg. Macht das Sinn?

 

Früher wurde unser Brot ganz anders hergestellt als heute. Man kannte noch keine Hefe und hat den Teig deshalb stehen lassen. Somit konnte eine bakterielle Zersetzung stattfinden, die dann das Gluten im Teig zersetzte. Das ist das, was man besser unter Sauerteig kennt. Dieses Brot wurde dann im Minimum einen Tag lang stehen gelassen. Heute kaufen wir unser Brot im Supermarkt und der Weizen ist derart überzüchtet, das uns das nicht gut bekömmlich ist. Und natürlich ist heute keine Zeit mehr dafür, den Teig so lange gehen zu lassen.

 

Dann macht also die Menge das Gift?

 

Ja. Wir konsumieren einfach riesige Mengen an Gluten und das ist das Problem. Wir essen Brötchen zum Frühstück, Weizenpasta zum Mittagessen und am Abend – zusammen mit dem Teller Salat – auch nochmals eine Scheibe Brot. Das ist zu viel.

 

Den Kontakt zu Sarah Müllhaupt findet ihr hier.

 

Gibt es weitere Lebensmittel, die für unseren Darm nicht gut sind?

 

Zucker ist ein grosses Thema aber auch Milchprodukte sind unter Beschuss. Einerseits ist Milch schleimproduzierend und andererseits schwächt sie unser Immunsystem. Es gibt viele Komponenten die aufzeigen, dass ein regelmässiger Milchkonsum unserer Darmflora schadet. Hier muss ich aber auch sagen, dass die Milch einer Kuh von der Alp sicher besser ist, als die industriell hergestellte Version. Denn da wird Milch von so vielen verschiedenen Kühen zusammengeschüttet und jedes Tier hat ein eigenes Eiweiss. Da haben wir hundert verschiedene Eiweisse, auf die unser Körper reagieren muss. Das ist ein grosser Unterschied.

 

Und wie ist das mit dem Zucker? Zählen dazu dann auch Früchte?

 

Nein, damit meine ich wirklich den Industriezucker. Es kann vorkommen, dass man besonders zuckerhaltige Früchte einmal eine gewisse Zeit – also ein paar Wochen – reduziert. Das ist aber nur der Fall, wenn man schon Darmbeschwerden hat und sich innerhalb der Therapie einer speziellen Diät widmet. Ansonsten spricht nichts gegen den Zucker in Früchten oder auch beispielsweise Honig.

 

Wenn du gerade die Therapie ansprichst: Wann sollte man denn einen Experten aufsuchen? Viele Menschen haben zwar regelmässige Beschwerden und Verdauungsprobleme aber leben dann einfach damit.

 

Viele Patienten kommen erst zu mir, wenn sie neben den Verdauungsproblemen noch weitere Beschwerden haben. Das kann eine Allergie sein oder eine Autoimmunkrankheit. Bei der Anamnese erfahre ich dann oft, dass diese Menschen schon ewig Probleme haben mit ihrer Verdauung. Viele akzeptieren irgendwann, dass sie Blähungen haben oder einen komischen Stuhlgang. Und das ist eigentlich falsch. Sobald man sich unwohl und in irgendeiner Weise eingeschränkt fühlt, dann sollte man einen Experten aufsuchen und das Thema in Angriff nehmen. Ich kann nur sagen: Je früher desto besser. Wenn man früh etwas gegen Blähungen, Durchfall oder Verstopfung unternimmt stehen die Chancen viel besser, auch prophylaktisch gegen andere Probleme vorzubeugen.

 

Es ist nicht besonders angenehm, über den eigenen Stuhlgang zu reden. Was passiert denn genau, wenn man sich dafür entscheidet, seine Darmgesundheit bei dir abklären zu lassen?

 

Das Ganze beginnt mit einem ersten Gespräch. Danach wird natürlich aber auch der Stuhl untersucht, der ins Labor geschickt wird. Wenn man den Darm aufbauen will und Präparate mit Probiotika einnimmt, macht es Sinn, die eigenen Bakterienstämme genau zu untersuchen. Jeder Darm ist total unterschiedlich. Diese Darmflora Untersuchung ist sehr genau. Sie basiert auf einer molekulargenetischen Mikrobiomanlyse und ist viel differenzierter als alle älteren Methoden.

 

Was kannst du einer solchen Stuhl-Auswertung dann entnehmen?

 

Ich sehe genau, welche Bakterien im Mangel vorhanden sind und welche allenfalls zu viel. Auch kann es sein, dass eine Pilzbelastung vorliegt und es gibt auch Bakterien, die selbst sehr viel Fäulnis produzieren. Je nachdem, was der Befund da zeigt, sind die Präparate für den Darmaufbau anders zusammengesetzt. Wenn jemand beispielsweise ein Problem hat mit solchen Fäulnisbakterien, müssen diese zuerst reduziert werden, bevor man die guten Bakterien wieder aufbauen kann.

 

Heisst das, dass eine pauschale Darmsanierung mit Probiotika keinen Sinn macht?

 

Probiotika sind sehr teuer. Das kostet schnell 50-60 Franken pro Packung. Schon alleine deswegen macht es Sinn, wenn man weiss, welche Art von Probiotika für den eigenen Darm am besten sind. Wenn man aber beispielsweise gerade mit Antibiotika behandelt wurde, ist eine solche Kur immer sinnvoll. So kann die Darmflora wieder aufgebaut werden.

 

Nehmen wir an, ich lasse meinen Stuhl untersuchen und nehme dann als Darmaufbau meine Probiotika. Wie lange nehme ich diese ein?

 

Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe viele Patientinnen mit chronischen Entzündungen. Gerade bei Frauen mit Blasenentzündungen, die dadurch viel Antibiotika genommen haben, kann das eine längere Sache sein. Das ist die Darmflora manchmal so schlecht, dass man da gut mit vier bis fünf Monaten rechnen muss.

 

Wie sieht eine solche Therapie aus?

 

Nur mit dem Einnehmen von Probiotika ist es natürlich nicht getan. Es geht vor allem auch darum, die eigene Ernährung umzustellen.

 

Ich weiss von vielen Fällen, bei denen gerade die Umstellung zur veganen – und sehr gesunden Ernährung – Probleme mit dem Darm verursacht hat. Wie passt das zusammen?

 

Das ist normal. Man muss dem Darm ein bisschen Zeit lassen, die Flora muss sich zuerst umstellen. Häufig neigt man dazu, Lebensmittel wegzulassen, die man vermeidlich nicht gut verträgt. Das ist der falsche Weg. Man muss einfach zu Beginn niedriger dosieren. Vor allem mit Ballaststoffen hat der Darm zu Beginn zu kämpfen.

 

Das heisst, wenn ich beispielsweise Zwiebeln nicht vertrage, soll ich sie trotzdem weiterhin essen?

 

Ja. Man darf es einfach nicht übertreiben. Es macht Sinn, den Darm langsam daran zu gewöhnen. Wenn man aber ganz aufhört, die Produkte zu essen, ist das der falsche Weg. Das ist ein Teufelskreis, weil sich diese eigentlich guten Bakterien immer noch mehr zurückbilden.

 

Hattest du selbst eigentlich auch Probleme mit deiner Verdauung?

 

Ja, sehr lange sogar. Ich bin auch Allergikerin und konnte durch Darmbehandlungen meine Beschwerden reduzieren. Weil ich sehr gerne koche und esse hat mich das Thema Darm immer fasziniert.

 

Gibt es Menschen, die anfälliger sind für Darmprobleme als andere?

 

Durchaus. Wenn ich jeweils Darmanalysen von Familien mache stelle ich oft fest, wie ähnlich die Darmfloras von den Müttern und den Kindern sind. Die erste Prägung ist schon entscheidend. Wenn ein Kind natürlich auf die Welt kommt, schluckt es viele Bakterien der Mutter. Damit ist der Darm das erste Mal imprägniert. Hinzu kommt das Stillen, weil die Brust der Mutter durch die Wärme und Feuchte ein weiterer Bakterienherd ist. Kurz gesagt: Hat die Mutter eine gute Darmflora, hat das Kind tendenziell auch eine bessere Darmflora und umgekehrt.

 

Und wie sehr beeinflussen Antiobiotika unsere Darmflora?

 

Lange hat man jedem bei jeder akuten Infektion Antibiotika verabreicht. Zum Glück wird man da immer restriktiver. Das macht im Darm viel kaputt. Vielfach wird einem aber auch heute kein Aufbaupräparat für den Darm verschrieben, wenn man eine solche Behandlung bekommt. Das ist fatal. Ich behandle sehr viele Patienten, die viel Antibiotika einnehmen mussten und deswegen eine gestörte Darmflora haben.

 

Kannst du den Lesern zum Schluss noch einen ganz praktischen Tipp auf den Weg geben? Einmal für Durchfall, einmal für Verstopfung.

 

Bei Durchfall sind geschrotete Leinsamen gut. Auch gut ist Kräutertee zur Beruhigung. Besonders Kamille, Fenchel, Anis, Schafgarbe sind toll. Bei Verstopfung sollte man möglichst viel trinken, viel Rohkost essen und mit Flohsamenschalen arbeiten.



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