#nofilter: Die perfekte Instagram-Welt

#nofilter: Die perfekte Instagram-Welt

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Welchen Menschen folgst du auf Instagram? Wer inspiriert dich und weshalb? Ich richte diese Fragen heute an euch und stelle sie mir gleichermassen selbst. Denn nicht alles, was euch in den sozialen Netzwerken begegnet, ist echt. Und Social Media ist eben oft alles andere als sozial. Vor allem Instagram ist wohl ziemlich realitätsfremd. Zu sagen, dass das alles schlecht ist, wäre aber zu einfach. Denn wer bin ich, dass ich darüber urteile in dieser perfekten Instagram-Welt. Machen wir da nicht auch mit? Sind wir nicht alle selbst Figuren darin?

Stets perfekt ausgeleuchtete Bilder, geschossen an der schönsten Location und versehen mit den hippsten Filtern – das ist gerade angesagt in den sozialen Medien. Für spontane Schnappschüsse bleibt da wenig Platz. Wer heute kein Lightroom benutzt, ist sowieso irgendwie von gestern. Und Photoshop zu beherrschen, um dem eigenen Näschen ein Fine-Tuning zu geben: Ganz normal. Doch wie „normal“ ist das wirklich?

Ich kenne sogar Fotografen, die diese Ästhetik auf Instagram mittlerweile nur noch grässlich finden. Obwohl ich das etwas differenzierter sehe – dazu später mehr – beobachte auch ich, dass die Profile auf Instagram immer professioneller werden. Die Fotos glänzender, die Farben kräftiger, die Texte überlegter und die Werbeanzeigen häufiger. Und jedes Mal, wenn der Algorithmus wieder neu bestimmt, wer Likes bekommt und wer auf der Strecke bleibt, hinterfragen sich alle Blogger aufs Neue. Einige – und es sind mehr als man denkt – kaufen sich womöglich einfach welche dazu, Follower gleich inkludiert. Denn teuer ist das nicht. Und schwierig schon gar nicht.

 

Verlorene Authentizität

Ich erinnere mich an dieser Stelle gerne zurück an meine Anfänge als Bloggerin. Damals, als ich mit meinem Handy begonnen habe, Fotos von einem Essen zu knipsen, war das noch völlig ausreichend. Nachbearbeitet habe ich die Bilder übrigens so gut wie gar nicht. Das haben viele andere auch nicht gemacht, zumindest kenne ich eine ganze Menge, die es nicht getan haben. Vielleicht höchstens auf dem Handy selbst. Ich habe nicht zuletzt deswegen einfach nach Lust und Laune veröffentlicht, ohne mir riesige Gedanken zu machen, was gerade „in“ ist und was wohl am besten ankommt. Heute überlege ich mir, ob ich damals wohl authentischer war, als ich es heute bin. Weil es irgendwie unkomplizierter war. Intuitiver und spontaner.

Doch ich glaube nicht, dass sich das so einfach mit ja oder nein beantworten lässt. Vielleicht war Instagram damals noch spontaner, klar. Man hat eher einmal etwas nach Lust und Laune hochgeladen. Aber dennoch: Auch damals steckte hinter jedem Bild Arbeit. Und auch damals habe ich Bilder nicht gepostet, weil sie mir nicht gefallen haben. Ich schiebe hier eine kurze Geschichte ein: Ich weiss, wie ich während der Vorlesung an der Uni jeweils in der letzten Stunde vor dem Mittag ausgerechnet habe, wie viel Zeit ich zuhause zur Verfügung habe, um mein Essen zu fotografieren. Um auf Social Media präsent zu sein habe ich also gut und gerne einmal meine realen Kontakte auf die lange Bank geschoben. Heute würde ich das nicht mehr tun. Ich habe gelernt, eine gesunde Balance zu finden. Oder sagen wir, ich lerne es immer mehr. Und ich habe mich bewusst dafür entschieden, mehr aus der Situation heraus zu posten. Deshalb nehme ich die Kamera auch gerne mit auf Reisen und knipse dort, was mir gerade vor die Linse kommt. Okay, das klingt jetzt geradezu stressfrei und unkompliziert. Wir wollen es nicht beschönigen: Natürlich ist auch da alles, was nach einem Schnappschuss aussieht, gewissermassen inszeniert.

Und so wie bei diesem Beispiel der Schein trügt, tut er es eben oft. Wie oft esse auch ich eine „Ugly Smoothie Bowl“ statt einer solchen, die mit Sternen drapiert wurde, die ich aus einer Banane fein säuberlich ausgestochen habe (übrigens nur um zu bemerken, dass die Banane zu schmal ist und ich eine zweite, eben grössere und dickere anschneiden muss, weil da die Ausstechform reinpasst. Danach hast du zwei angebrochene Bananen die du glücklicherweise immerhin einfrieren kannst). Und dennoch bin ich froh, kann ich wenigstens ab und an mein Essen ablichten statt selbst posieren zu müssen. Denn aktuell renne ich wohl mehr in Leggings und Sportsachen rum, als dass ich irgendwelche ansehnlichen Outfits trage, wo jedes Teil zum anderen passt. Das merke ich übrigens daran, dass ich aktuell nur meine ältesten Leggings wasche und das auch nur dann, wenn alle meine Sport Shirts ausgegangen sind!

 

Blogger tragen Verantwortung

Wenn wir übrigens gerade beim Sport sind: Ja. Ich mache derzeit wirklich ganz schön fleissig etwas. Und ich teile das auch gerne in meinen Instagram-Stories. Ich hoffe, dass ich dadurch andere Menschen dazu inspirieren kann, sich auch mehr zu bewegen. Weil es guttut, dem Körper und der Seele. Und weil ich mit meinem Blog und meinen Social Media Kanälen Menschen dazu animieren will, gesünder zu leben. Dass ich damit vielleicht aber auch junge Frauen unter Druck setze, habe ich mir erst beim Schreiben dieses Textes überlegt. Was, wenn sich Mädchen so sehr mit einem Blogger, einer Bloggerin (ich verwende aus Prinzip nicht den Begriff Influencer/in) identifiziert, dass sie sich schlecht fühlt, wenn sie vielleicht gerade Schokolade gegessen hat, während dem ich 10 Kilometer laufen gegangen bin? Habe ich da eine Verantwortung? Müsste ich deshalb auch jedes Mal zeigen, wie ich meinen Schokoriegel vertilge? Oder wäre das widersprüchlich, weil ich ja keinen Zucker mehr esse?

Es ist schwierig. Schwierig eine Balance zu finden. Zu entscheiden, was richtig ist und was falsch. Und es allen recht zu machen. Ganz ehrlich: Das geht nicht und ich finde es auch nicht erstrebenswert. Und ich erwarte nicht, dass ihr mir eine abschliessende Antwort darauf geben könnt. Klar ist: Der Grat ist schmal. Derjenige, zwischen „Schaut, was ich in meinem Leben alles mache, vielleicht ist das auch etwas für euch“ und „Hey, dein Leben ist nicht so toll wie meins“.

Falls ihr euch übrigens an dieser Stelle noch immer fragt, was ich gegen den Begriff „Influencer/in“ habe: Das liegt auf der Hand. Beeinflusser/in. Was soll denn das sein? Ich will euch nicht beeinflussen. Inspirieren, vielleicht. Aber hat denn nicht jeder von uns auch eine eigene Meinung, eine eigene Haltung?

 

Von Kleidergrösse 40 zu Size Zero

Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Die Bloggerwelt ist ziemlich klein. Man kennt sich. Es ist schon immer wieder verblüffend, wie anders Menschen dann im realen Leben sind. Das kann sowohl positiv als auch negativ sein. Einige, die ich kennengelernt habe, überraschen mich zum Guten. Sie sind total natürlich, zugänglich und bodenständig. Dann aber gibt es solche, die aufgrund ihres Erfolgs abgehoben sind. Und – ich kann es nicht anders sagen – nicht die Person sind, die sie auf Instagram präsentieren. Da schrumpft man sich seinen Bauch doch tatsächlich einmal von Kleidergrösse 40 zur Westentaille und passt, oh Wunder oh Wunder, plötzlich in die kleinste Skinny Jeans. Ganz ehrlich: Was soll das?

Was ich damit sagen will ist, dass es nicht so einfach ist, wie es scheint. Oft wird gesagt, Instagram sei so oder so. Es wird nicht differenziert. Und es gibt irgendwie ja auch kein richtig oder und falsch, kein schwarz oder weiss. Auch wenn wir Menschen das auch so gerne mögen. Wir wollen urteilen. Am besten verurteilen. Auf jemanden zeigen. Stinkfrech, mit dem Zeigefinger. Das habe ich jetzt auch gerade getan. Und doch irgendwie versteckt, anonym. Im Internet. Da ist es ja auch viel einfacher. Deshalb sage ich euch ehrlich: Ich finde es auch nicht immer einfach. Ich erwische mich selbst oft dabei, dass ich Fotos in den sozialen Medien sehe und mir denke: Warum kann die, was ich nicht kann. Bis ich mich dann eines Besseren besinne. Bin ich nicht einfach gut so, wie ich bin? Ist es nicht toll, dass ich eben genau anders bin? Und ist es nicht schön, dass ich mich auch ohne Photoshop ganz gut leiden kann?

Aber klar: Auch ich fühle mich manchmal schlecht, wenn ich durch meinen Feed scrolle und all die scheinbar perfekten Menschen sehe, die sich an noch perfekteren Orten ablichten lassen. Und ich tue das obwohl ich weiss, dass ein bisschen Photoshop nun wirklich keine Kunst ist. Mir ist bewusst, dass sich viele im Bikini posierende Mädels gerne dünner mogeln, ihren Gesichtszügen ein Tuning geben und die Haare verlängern. Und doch: Meine Augen glauben immer zuerst was sie sehen, bevor sich mein Verstand einschaltet und mir sagt: „Hey, das glaubst du doch jetzt nicht wirklich, Anina“.

 

Flüchten wir vor uns selbst?

All das bringt mich zu dem Punkt zu sagen, dass Social Media eben oft alles andere ist als sozial. Vor allem Instagram ist so oft völlig realitätsfremd. Aber hey: Wer bin ich, dass ich darüber urteile? Ich mache da auch mit. Verdiene sogar meine Brötchen damit. Selbst wenn ich es nicht wahrhaben bin: Gewissermassen bin auch ich eine der Figuren dieser inszenierten Scheinwelt. Der grosse Unterschied ist aber, dass ich mich dessen bewusst bin. Nicht erst seit heute. Mir hilft es deswegen, ganz bewusst auch abzuschalten. Am besten gelingt mir das, wenn ich mich mit Menschen umgebe, die mit Social Media nichts am Hut haben und davon auch gar nichts wissen wollen. Glücklicherweise habe ich in meinem Freundeskreis einige dieser immer raren werden Spezies! 😉

Versteht mich nicht falsch. Ich will nichts verteufeln. Instagram hat genau so seine schönen Seiten. Durch die Plattform habe ich ganz viele tolle Leute kennengelernt, die mittlerweile gute Freundinnen geworden sind. Und eben nicht nur Online – im ganz normalen und realen Leben. Und noch immer ist Instagram gleichzeitig auch eine riesige Inspirationsquelle für mich. Ausserdem findet ihr über die Plattform hier zu mir auf den Blog. Es ist nicht alles schlecht. Aber ich habe mich eben dafür entschieden, dass heute einmal die Schattenseiten beleuchtet werden sollen. Denn dass Instagram auch toll ist, das liegt auf der Hand. Sonst würden wir ja nicht Stunden damit verbringen, uns durch unseren Feed zu scrollen, oder?

Die Frage, die sich für mich aber vor allem aber auch stellt ist jene, ob wir uns nicht eben genau in dieser Scheinwelt oftmals wohl fühlen. Klar, einerseits nerven wir uns und regen uns auf, wenn alles mehr Schein als Sein ist. Andererseits gelingt uns dadurch die Flucht vor unseren eigenen Problemen, dem manchmal eben nicht ganz so perfekten Leben. Ausserdem ist es wissenschaftlich erwiesen, dass unser Auge gerne Ästhetik hat. Welche Bilder ankommen und welche nicht ist kein Zufall oder Hexerei. Da gibt es bestimmte Bildausschnitte, Farbe und Kompositionen, die uns gefallen. Das ist berechenbar.

 

Den richtigen Menschen folgen

Ihr ahnt schon, dieser Text ist weder schwarz noch weiss. Es gibt kein richtig oder falsch. Keine Do and Don’ts. Es geht – wie so oft im Leben – um die richtige Balance. Und die muss jeder für sich ganz alleine finden. Mein Tipp an euch: Nicht alles, was glänzt, ist tatsächlich so schön wie es scheint. Glaubt nicht alles, was ihr seht. Und fühlt euch vor allem nicht schlecht dabei. Schaut Instagram als Inspirationsquelle an und freut euch darüber. Und entscheidet euch bewusst auch einmal dazu, Social Media eben nicht zu konsultieren. Und wenn, dann folgt Menschen, die euch inspirieren. Die ehrlich sind mit euch und sich auch selbst einmal den Spiegel vors Gesicht halten. Und vergesst bei all dem nie, wer ihr seid. Denn selbst wenn eure eigenen Bilder nie so perfekt werden und euer Leben alles andere als perfekt scheint: Vielleicht ist es genau das, was euch ausmacht.



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