Kann zu viel Gesundes krank machen?

Kann zu viel Gesundes krank machen?

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Wenn der „Healthy Lifestyle“ plötzlich zur Sucht wird, kann das krank machen. Psychisch krank. Die Fixierung auf den Verzehr von nur gesunden Lebensmitteln hat sogar einen Namen. Nur kennt ihn bislang noch kaum jemand. Warum? Das Thema „Orthorexie“ wird totgeschwiegen und die Krankheit ist (noch) nicht anerkannt. Lasst uns das heute ändern, sprechen wir darüber. Und ich verrate euch auch, wie ich es schaffe, eine gute Balance zu finden. Denn klar ist: Der Grat zwischen gesund und zu gesund is schmal, sehr schmal.

Ich schwöre auf meine grünen Smoothie Bowls, manche ernähren sich strikt roh und wiederum andere sind Verfechter der Paleo-Diät. Klar ist: Kaum ein anderes Thema ist in den Medien so präsent und bewegt uns so sehr wie das Essen. Jeder hat dabei aber eine ganz eigene Vorstellung davon, was denn nun tatsächlich gesund ist. Ich für mich habe beispielsweise entschieden, auf raffinierten Zucker zu verzichten. Zudem esse ich keine Fertigprodukte, kein Gluten und achte darauf, dass ich jeden Tag genügend Grünzeugs zu mir nehme. Vegane Vollwertkost, so lautet meine Devise.

Das Gefühl, dass mich dieser Lebensstil und/oder meine Ernährungsweise einschränkt, habe ich selten bis nie. Im Gegenteil. So vielseitig wie heute habe ich noch nie gegessen, da bin ich mir sicher. Und schmecken tut es mir auch. Sogar sehr! Trotzdem werde ich ganz oft gefragt, ob mich dieser „Healthy Vegan Lifestyle“ nicht einengt. Dass ich darauf mit nein antworten kann, liegt vermutlich daran, dass ich jeden Tag frisch koche und ich somit immer wieder neue Zutaten kombiniere. Und zugegeben: Ich bin eine ziemlich talentierte Köchin. Mir fällt es deshalb nicht schwer, Gerichte immer wieder neu zu erfinden. Dass sich aber nicht alle Menschen so intensiv mit ihrer Ernährung auseinandersetzen, musste ich zuerst lernen.

 

WER WEISS DENN NOCH, WAS WIRKLICH GESUND IST?

Wenn ich auswärts mit Freunden esse gehe wird mir ganz oft vor Augen geführt. Beziehungsweise sind das dann ganz oft alles Menschen, die sich eben nicht in dieser „Healthy-Food-Blase“ bewegen (zum Gkück). Was für mich selbstverständlich ist, können sie ganz oft gar nicht verstehen oder schütteln nur den Kopf, wenn ich mir die Pizza ohne Käse und mit extra viel Gemüse bestelle. Oder mir eben manchmal auch gar keine Pizza bestelle und lieber was anderes auf der Karte nehme (es gibt eben doch oft schmackhaftere Dinge auf der Karte als Pizza ohne Käse).

Und auch wenn ich mit euch über Instagram Kontakt habe, merke ich immer wieder, dass vieles, was für mich „normal“ geworden ist, für andere eben nicht auf der Hand liegt. Wie man Zucker in Gerichten ersetzen oder weglassen kann, wo es glutenfreie Pasta zu kaufen gibt und wie innert wenigen Minuten ein gesundes Dressing angerührt ist: Für mich alles sonnenklar. Immer wieder muss ich mir dann bewusst werden, dass ich da noch immer die Ausnahme bin. Dass die 500 Foodblogs, denen ich folge, auch nicht die Norm sind. Dass nicht jeder Mensch die Zeit hat, sich intensiv mit seiner Nahrungsaufnahme zu beschäftigen. Und dass das okay ist.

Gleichzeitig merke ich aber eben auch, dass genau jene, die sich bislang eben nicht gross mit ihrer Ernährung auseinandergesetzt haben, gesünder leben wollen. Dieses Wort – G E S U N D – ist in unserem Kopf verankert. Kein Wunder. Tagtäglich berieseln uns die Medien mit Informationen darüber, was denn nun alles gesund sein soll. Es ist wenig erstaunlich, dass wir da am Ende des Tages gar nicht mehr wissen, was wir denn nun essen sollen. Was normal ist, was zu viel. Wenn es mir schon so geht, muss es für andere noch viel schlimmer sein. Denn ich bewege mich in diesen Kreisen, interessiere mich für Ernährung und Gesundheit. Schreibe darüber, teile meine Erfahrungen und Rezepte mit euch. Wenn ich mir also nur vorstelle, wie verwirrend das alles sein muss für all jene, die damit nichts am Hut haben, dann bin auch ich überfordert.

Es könnte jetzt das Bild entstehen, dass ich gesunde Ernährung verteufeln will. Das ist natürlich nicht meine Intention. Das wäre ja irgendwie auch ein grosser Widerspruch. Denn nicht umsonst trägt dieser Blog dem Claim „Healthy Food And Vegan Lifestyle“. Es ist das, was ich tagtäglich predige und das, was ich lebe. Und dazu stehe ich. Für mich gibt es nichts Schöneres, als euch daran teilhaben zu lassen und zu wissen, dass Menschen da draussen dadurch dazu inspiriert werden, auch ein gesünderes Leben zu führen. Und genau weil mir das eben so am Herzen liegt, schreibe ich heute diesen Blogpost. Denn: Was erst einmal total toll klingt und auch super gesund ist für den Körper, kann tatsächlich auch krank machen. Nämlich dann, wenn dieser „Healthy Lifestyle“ plötzlich zur Sucht wird. Wenn es zum Drang wird, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben.

 

ORTHOREXIE – EINE PSYCHISCHE KRANKHEIT

Fachleute sprechen dann von Orthorexie. Noch nie gehört? Nicht verwunderlich, bislang ist Orthorexie auch kein anerkanntes Krankheitsbild. Und eine Defintion dafür zu finden ist ebenfalls schwierig. Orthorexie könnte zusammengefasst werden als die „Fixierung auf den Verzehr von nur gesunden Lebensmitteln“. Und gleichzeitig ist das zu einfach. Denn: Wo sind die da Grenzen? Was ist tatsächlich noch gesund und wo beginnt das Zwanghafte? Kann uns der Drang nach dem gesunden Lebensstil so einschränken, dass die Psyche darunter leidet? Ist Orthorexie dann also eine psychische Krankheit oder woran lässt sie sich erkennen?

Ich bin weder Ärztin, noch will ich mich als Gesundheitsexpertin betiteln. Ich bin eine junge Frau, die sich mit Veganismus und vollwertiger pflanzlicher Ernährung auseinandersetzt. Jeden Tag lerne ich dazu, ich lese viel und sauge darüber auf, was mir nur so zwischen die Finger kommt. Das alles befähigt mich aber natürlich nicht dazu, jemandem zu sagen, was wirklich gesund ist. Oder jemanden zu sagen, dass er/sie unter Orthorexie leidet. Nein, ich teile lediglich mit euch, was meines Erachtens gut ist. Für meinen Körper. Klar: Wir müssen uns nicht darüber streiten, ob Gemüse gesund ist. Aber alles, was weiter ins Detail geht, ist bereits total umstritten. Zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie. Wenn ich also beispielsweise sagen würde, dass Früchte super gut sind, kann ich darauf wetten, dass mir jemand das Gegenteil beweisen will. Auch wenn ich für mich sagen kann, dass vegane Vollwertkost meiner Meinung nach die gesündeste Ernährungsweise ist, dann muss das für eine andere Person nicht auch so sein. Was wir essen, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Und wahrscheinlich macht es genau das so schwierig.

 

WIR HABEN UNS VERIRRT!

Ich glaube ja manchmal, wir haben uns verirrt. In einem Dschungel aus unzähligen Superfoods, Healthy Food Guides und Fett-Killer-Rezepten. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und doch klammern wir uns an jedem noch so dünnen Ast fest, den wir verlangen können. Schnappen auf, was uns vermeintlich gut tun soll und verlassen uns darauf. Nur an die Wurzel, da wagt sich niemand heran. Denn solange die Blätter satt grün leuchten, scheint sich niemand darum zu scheren, was sich dahinter verbirgt. Was ich damit sagen will: Ein „auf den Körper hören“ ist heuer kaum mehr möglich.

Es ist schwierig. Es ist schwierig, diesen Text zu schreiben und noch schwieriger, dazu Position zu beziehen. Denn wie kann ich mich an ein Thema heranwagen, dass noch ein solch grosses Tabu ist? Ich wage es mit diesem Blogpost trotzdem. Wenn ich versuche, aus meiner Sicht auf die Thematik zu schauen, dann kann das gar nicht falsch sein. Was ich weiss ist nämlich, dass auch ich mich schon dabei erwischt habe, dass gesundes Essen zum Drang wird. Damit will ich nicht sagen, dass ich mir nichts gönne. Zum Glück nicht. Aber ich habe mich auch schon dabei ertappt wie ich mir bei jedem Stück Schokolade mehr überlege, ob das noch gesund ist. Klar: Wer vegan lebt, muss auch gut darauf achten, genügend Nährstoffe zu bekommen. Doch manchmal wäre ein bisschen mehr Gelassenheit sicherlich angebracht. Ich bin selbst immer sehr darauf bedacht, meinem Körper etwas Gutes zu tun. Und vielleicht vergesse ich dabei, dass eben genau etwas Ungesundes mir auch gut tun würde. Vielleicht nicht meinen Zellen, nein. Aber zumindest dem Gemüt. Und gerade weil ich diese Beobachtung schon bei mir selbst mache, bin ich besorgt. Besorgt um die vielen jungen Frauen da draussen, die sich von dem ganzen Wahn um den „Healthy Lifestyle“ noch viel mehr beeinflussen lassen als ich es tue.

Ich kann aus meinem persönlichen Umfeld von vielen Mädels berichten, die von der Magersucht direkt in die nächste Krankheit gestürzt sind. Nämlich in die des „Clean Eatings“. Sie seien jetzt gesund, würden endlich wieder mehr essen, sagen sie. Dass aber dass, was auf ihrem Teller liegt, oftmals nicht mehr ist, als eine weichgekochte Kartoffel und siebentausend Salatblätter, scheint niemand zu bemerken. Das soll kein Angriff sein. Und ich möchte damit niemanden verletzen. Aber dennoch soll hier auch gesagt sein, dass wir da hinschauen müssen. Magersucht – und/oder andere Essstörungen – sind keine Krankheiten, die von heute auf morgen geheilt werden. Schon gar nicht durch ein Übermass an Gesundem.

 

ESSEN SOLL NICHT NUR SATT – SONDERN AUCH SPASS MACHEN

Auch ich lerne also gerade für mich, die richtige Balance zu finden. Weil ich mir genau dessen bewusst bin und weiss, wie schmal der Grat zwischen gesund und zu gesund ist. Ich habe auch eine gewisse Vorbildfunktion und bin ich dessen bewusst. Ja, B A L A N C E – dieses Wort ist nahezu so ausgelutscht wie das Wort G E S U N D. Und doch ist sie eben wichtig. Wie ich das angehe, wollt ihr bestimmt wissen. Nun: Für mich heisst Balance, dass ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich mir einen veganen Cupcake gönne oder einen Riegel Schokolade (oder eben die ganze Tafel) verdrücke. Und dass ich es auch einmal ruhig angehe und meinem Körper auch vom Sport einmal eine Pause gönne.

Die Dosis macht das Gift und beim Essen ist das nicht anders. In den Smoothie sieben Bananen zu schmeissen ist wohl genauso einseitig wie sich sieben Schokoriegel zu gönnen. Beides ist total okay, zwischendurch. Aber auf lange Sicht ist keine der beiden Optionen wirklich gesund. Es ist am Ende des Tages eben doch die Balance. Und diese legt jeder für sich selbst fest. Klar ist: Wir müssen nicht jeden Ernährungstrend mitmachen. Im Grunde genommen wissen wir doch eigentlich ziemlich genau, was uns guttut. Und wir sollten uns auch nicht schlecht fühlen, wenn wir uns einmal nicht an die – uns sowieso selbst auferlegten – Regeln halten. Essen soll nämlich nicht nur satt und gesund machen, sondern eben auch Spass.



2 thoughts on “Kann zu viel Gesundes krank machen?”

  • Ich liebe deine Posts und lese sie immer sehr gerne. Wenn du aber die Formulierung „Damit will ich nicht sagen, dass ich mir nichts gönne“ abgibst…also das Wort „gönne“ – dann ist das definitiv ein Zeichen für eine „Einschränkung“ oder für eine „sehr überlegte Ernährung“. Es wäre schön wenn wir einfach das Rad zurückdrehen können und uns ernähren weil wir es brauchen und das zu uns nehmen was der Körper braucht. Stattdessen gibt es keinen Einkauf mehr ohne „das nicht – das nicht – oh Vegan…oh superfood…das nicht“ Schade! Aber danke für deinen Post!, Liebe Grüsse

    • Liebe Simona. Danke für deinen Kommentar, über den ich mich sehr freue! 🙂 Ich glaube aber, du hast mich da etwas missverstanden. Beziehungsweise war es nicht meine Absicht, das so darzustellen. Ich verbinde „gönnen“ nicht wirklich mit etwas Negativem. Beziehungsweise finde ich nicht, dass das per se für eine Einschränkung spricht. Und klar: Ich würde meine Ernährung schon als sehr überlegt bezeichnen. Zum Glück! Denn so viele Menschen achten ja leider gerade nicht darauf, was sie essen und kaufen. Ganz liebe Grüsse, Anina

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