Für einen besseren Planeten: Rebekka im Interview

Für einen besseren Planeten: Rebekka im Interview

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Rebekka Sommerhalder hat sich selbstständig gemacht und im März 2015 den glore Store in Luzern eröffnet – den grössten Fair Fashion Store in der Schweiz. Im Interview für die Serie „Für einen besseren Planeten“ verrät sie, warum Ihre Kundschaft besonders interessant ist für Fast-Fashion-Anbieter, welches ihre Lieblingsmarken sind und warum nachhaltiger leben auch immer mit Verzicht verbunden ist.

Rebekka, wann hast du begonnen, dich für faire Mode zu interessieren?

Mir waren Grundwerte wie Nächstenliebe, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein schon immer wichtig. Für das will ich einstehen, dafür will ich mich einsetzen. Vor etwa fünf Jahren habe ich mit meinem Mann und guten Freundinnen vermehrt darüber diskutiert, was das für unser Leben und unseren Konsum bedeutet. Wir haben festgestellt, dass es bei der Mode besonders schwierig ist, nach diesen Grundwerten zu leben. Vor allem, wenn man seinen eigenen Kleidungsstil beibehalten will.

Hast du es dann sofort geschafft, nur noch faire Kleidung einzukaufen?

Nein. Ich habe damals natürlich geschaut, welches Angebot es in der Schweiz schon gibt. Es gab aber tatsächlich nur sehr kleine Läden oder solche, die mir vom Stil her nicht zugesagt haben. Ich habe vorerst vor allem viel weniger eingekauft als früher und womöglich eine nachhaltige Variante gewählt. Aber die wirklich konsequente Umstellung meines Kleiderkonsums hat mehrere Jahre gedauert. Während einem Urlaub in Deutschland habe ich gesehen, dass dort das Angebot sehr viel grösser ist. Das war sehr motivierend! In Nürnberg habe ich dann den ersten glore Store besucht. Da hat sich dann auch sofort ein toller Kontakt ergeben und die Mitarbeiterin hat mir erzählt, dass glore gerne in der Schweiz einen Laden eröffnen möchte. Das kam wie gerufen, ich wollte mich damals beruflich sowieso neu orientieren.

Wo hast du denn zuvor gearbeitet?

In einer Kommunikationsagentur. Von dieser Branche wollte ich aber weg. Mit glore hat sich dann eine Tür für mich aufgetan und ich habe den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Zuvor hatte ich noch nie mit Textilien gearbeitet, es war also totales Neuland für mich. Immerhin hatte ich ein BWL-Studium als Grundlage für die Geschäftsführung.

Der Mut hat sich ja gelohnt. Du führst den glore Store in Luzern nun seit über zwei Jahren. Wie zufrieden bist du?

Sehr zufrieden. Und sehr zuversichtlich. Es werden immer mehr Menschen auf die Thematik und auf uns aufmerksam. Wir haben natürlich auch einen guten Zeitpunkt erwischt. Das Publikum, das sich für faire Mode interessiert, wird immer grösser. Die Medien berichten vermehrt über die Missstände in der Textil-Industrie. Ich beobachte, dass die Konsumierenden auch deswegen gewillter sind, wirklich besser hinzuschauen und nach nachhaltigen Alternativen suchen.

Die grossen Modeketten sind ja mittlerweile auch auf diesen Zug aufgesprungen und promoten faire Mode. Warum ist das so?

Es ist eine interessante Kundschaft, die es da zu erobern gibt. Diese Menschen wollen wissen, was dahinter steckt, wo und wie produziert wurde. Gleichzeitig – und das ist es, was die Fast-Fashion-Ketten interessiert – sind sie auch bereit, mehr Geld dafür auszugeben.

Hilft es dir, dass auch Fast-Fashion Anbieter nachhaltige Mode anbieten oder ist das kontraproduktiv?

Es hat beide Seiten. Einerseits ist es interessant, dass diese Anbieter im Grunde selbst darauf aufmerksam machen, dass bei ihrem „normalen“ Sortiment etwas nicht stimmt. Das bringt mindestens einige zum Nachdenken. Andererseits ist es natürlich trügerisch, weil dieses „nachhaltige“ Angebot in den meisten Fällen nicht sehr konsequent nachhaltig ist. Die Situation macht aber deutlich, dass in der Textilbranche gerade viel passiert. Im Grunde genommen wäre es ja wünschenswert, wenn die Grossen auch ernsthaft etwas ändern würden. Sie hätten viel mehr Möglichkeiten und könnten faire Mode für viel weniger Geld anbieten.

 

In ihrem Laden in Luzern verkauft Rebekka nur Mode, die ökologisch und fair ist.

 

Wer könnte denn da am ehesten etwas bewirken?

Wenn ein grosses Modehaus eine Chefetage hätte, die wirklich umstellen wollen würde, könnte das viel bewirken. Aber daran glaube ich ehrlich gesagt nicht. Nicht in naher Zukunft jedenfalls. Das heisst, dass es den Druck von uns Konsumenten braucht. Je mehr die Menschen anderswo einkaufen, desto eher kommen die grossen Ketten in Bedrängnis. Natürlich muss aber auch das alternative Angebot vorhanden sein. Die jungen stylischen Marken bewegen daher sehr viel. So wird faire Mode immer populärer. Vor allem in den letzten fünf Jahren hat sich extrem viel getan.

Wenn wir schon von den Labels sprechen: Welches sind denn deine liebsten Marken?

Da gibt es viele! Armedangels macht einen sehr wichtigen Job. Für viele ist dieser Brand nach wie vor der Einstieg in die Welt der fairen Mode. Sie haben eine riesige Kollektion – für unsere Verhältnisse. Persönlich trage ich super gerne KOI (Kings Of Indigo). Die Schnitte sind eher lang und passen mir daher gut. Auch Lovjoi und Jan’ n June finde ich grossartig. Jungle Folk aus Zürich ist ebenfalls eine tolle Marke mit wundervollen Stoffen. Von diesen Brands habe ich einige Lieblingsstücke. Es gibt natürlich noch ganz viele mehr. Von vielen Labels bin ich auch einfach Fan, weil ich die Philosophie und den Stil ganz toll finde – auch wenn ich es selber eher nicht trage oder tragen kann. Dazu gehört beispielsweise Cus aus Barcelona. Die Designerin ist auch als Person sehr sympathisch und authentisch. Da verkauft man die Kleider einfach richtig gerne.

Welche Kriterien müssen Labels denn erfüllen, damit sie bei dir im Laden verkauft werden?

Die ökologischen sowie die sozialen Ansprüche müssen erfüllt werden – und zwar über alle Produktionsstufen hinweg. Ökologisch heisst beispielsweise, dass es Bio-Baumwolle sein muss. Wenn es synthetische Materialien sind, dann nur solche, die recycelt wurden. Auch in der Weiterverarbeitung dürfen keine Giftstoffe eingesetzt werden. Es geht auch um geschlossene Wasserkreisläufe und Kläranlagen. Und natürlich soll der Energieverbrauch auf ein Minimum reduziert werden. Ich könnte hier noch viel mehr ausholen, es sind so viele Faktoren, die da berücksichtigt werden müssen. Bei den Ansprüchen an die Sozialethik geht es um Arbeitssicherheit, um menschenwürdige Arbeitszeiten, um existenzsichernde Löhne, um Meinungs- und Versammlungsfreiheit und ähnliche Faktoren.

 

Es gibt ja auch faire Labels, die zum Beispiel nicht biologisch sind. Das kommt dann nicht bei dir ins Sortiment?

Genau. Es müssen wirklich alle Anforderungen erfüllt sein. Die sozialen Ansprüche und die ökologischen. Es gibt einige faire Labels, die mit konventioneller Baumwolle arbeiten, das findet man aber nicht bei uns.

Das macht es für den Kunden aber nicht gerade einfacher. Wie kann ich denn sichergehen, dass ein Label fair und ökologisch produziert?

Das ist für den Endkunden tatsächlich schwierig. Genau deshalb braucht es Läden wie glore. Wir nehmen euch die Arbeit ab und garantieren, dass wirklich nur Labels im Sortiment sind, die beide Aspekte erfüllen. Ich suche meine Partner immer sehr sorgfältig aus.

Gibt es da keine Zertifizierungen?

Nein, leider nicht – also keine, die alle Punkte abdeckt. Dazu kommt, dass sich viele kleinere Brands keine Zertifizierung leisten können oder wollen.

 

„Nachhaltigkeit hat auch immer etwas mit Verzicht zu tun.“

 

Und wie kannst du sicher sein, dass da alles mit guten Dingen zugeht?

Ich stehe immer in Kontakt mit den verschiedenen Marken. Entweder per Telefon oder per Mail. Viele kenne ich inzwischen auch persönlich. Das ist mir auch ganz wichtig. Ich kann bei Unklarheiten direkt bei den Marken anklopfen und bekomme dann schnell und kompetent die Auskunft, die ich brauche. Das ist alles sehr transparent. Aber ganz ehrlich: Eine hundertprozentige Garantie hat man nie. Es kommt auch mal vor, dass wir uns von einer Marke wieder trennen müssen, weil sie ihre Geschäftspraktiken ändert oder wir irgendwo einen Mangel entdecken.

Jetzt noch eine andere Frage: Warum hat es nachhaltige Mode immer noch so schwer?

Hat sie es so schwer? Das Ganze ist einfach noch neu und hat gegen Vorurteile zu kämpfen. Die Leute denken dabei an hässliche Öko-Klamotten und überteuerte Preise. Was inzwischen beides nicht mehr generell stimmt. In naher Zukunft wird nachhaltige Mode bestimmt noch nicht Mainstream. Geld regiert die Welt. Und wir sind Egoisten. Nachhaltig konsumieren bedeutet eben auch, etwas zu tun, von dem ich nicht oder nicht unmittelbar profitiere – attraktiv ist das ja nicht wirklich.

Wie war das bei dir selbst? Ist es dir schwer gefallen, komplett umzusteigen?

Natürlich. Eine solche Entscheidung zieht ja dann Kreise in alle Aspekte des Lebens. Es geht ja nicht nur um Mode. Das hat auch viel mit Verzicht zu tun – und das fällt mindestens mir nicht ganz leicht.

Hast du da vielleicht ein paar Tipps für die Leser da draussen? 

Erstens: Die Dinge, die man schon besitzt, sorgfältig tragen und richtig pflegen, damit man sie möglichst lange tragen kann. Zweitens: Eine sinnvolle Garderobe aufbauen. Dinge, die zusammenpassen und die wirklich zum persönlichen Stil und Leben passen. Drittens: Bei jedem Teil, das man sich neu kauft, überlegen, ob es in diese Garderobe passt. Stimmt der Schnitt, die Farbe, das Material, die Grösse, der Stil? Ist es eine gute Qualität und im Idealfall nachhaltig produziert? Habe ich daran wirklich lange Freude? Übrigens: Macht man sich diese Gedanken und vermeidet überflüssige und nicht zufriedenstellende Käufe, kann man problemlos für ein einzelnes Teil etwas mehr ausgeben, ohne das Portemonnaie zu überfordern.

Bei dir gibt es ja nicht nur vegane Mode zu kaufen. Würdest du trotzdem sagen, dass man auch als Veganer durch mit fairer Mode durchkommt?

Auf jeden Fall. Bei den Kleidern ist es kein Problem und es gibt inzwischen viele tolle Accessoires und Taschen. Bei den Schuhen ist es noch etwas schwieriger. Vor allem im Winter. Da sind die meisten veganen Schuhe aus Plastik, was dann ökologisch nicht aufgeht. Aber vegan und nachhaltig passt grundsätzlich sehr gut zusammen. Für unsere veganen Kunden kennzeichnen wir alle Produkte ohne tierische Bestandteile mit einem Sticker, so geht das Shoppen dann auch ganz einfach.



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